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Wrocław/POL, Elisabethkirche

Wiedergeburt einer Königin

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Die Orgelgeschichte der Elisabethkirche in Wrocław (vormals Breslau) ist so lang wie abwechslungsreich. Die erste Orgel der 1452-56 in dieser Form neu erbauten Kirche, wurde von Stephan Kaschendorf ab 1460 erbaut. Durch Wettereinwirkung wurde das Instrument schon 1497 "verterbet", worauf sich eine lange Reihe von Reparaturen anschloss: 1514, 1535, 1546-47, 1603, 1617 und 1619.

 

Von 1627 bis 1629 baute Wilhelm Haupt, evtl. unter Verwendung alter Register, eine neue Orgel, um den nimmerendenen Reparaturen ein Ende zu setzen. Die gerade 20 Jahre alte Orgel von Haupt, die als Schwalbennest an der Nordwand des Schiffes hing, wurde zerstört, als 1649 ein Pfeiler einstürzte, der das Gewicht der Orgel nicht mehr tragen konnte. Bis 1657 baute Christian Crell ein neue Orgel mit 35 Registern. Trotz einer Reparatur durch Horatio Casparini im Jahr 1712 war die Orgel zur Mitte des Jahrhunderts in schlechtem Zustand, sodass man sich für einen Neubau entschied.

 

1750 schloss Michael Engler der Jüngere einen Vertrag zum Bau einer neuen Orgel. Ein unbekannter Orgelfreund schreibt dazu 1761:
"Wegen Kranklichkeit des Orgelbauers, und anderer Vorfallenheiten halber, gieng dieser neue Bau gar langsam von statten, so daß der Baumeister davon, obbemeldter Herr Engler, endlich den 15ten Januar Anno 1759 darüber mit Tode abgieng. Es wurde doch aber nach eines ziemlichen Pause, von dessen Sohne, Herrn Benjamin Gottlieb Engler, und seinem Schwager, Herrn Carl Gottlieb Ziegler aus Sachsen gebürtig […] unter Gottlichem Bestande vollends in den Stand gesetzt, daß es den 23 und 24 Septembris dieses 1761. Jahres […] examiniert werden, wobey es auch volkommen gut und dauerhaft befunden wurde."

 

Das Hauptgehäuse der Engler-Orgel bestand bis 1976 (siehe unten). Das zweigeteilte Rückpositiv folgte dabei dem Vorbild des jüngeren Schwesterinstruments in St. Nikolai zu Brieg.

 

_klais/bilder/fotos/Artikel/Wroclaw_Elisabeth/Brieg1.JPGBrieg, St. Nikolai, 1724, Kirche zerstört 1945

_klais/bilder/fotos/Artikel/Wroclaw_Elisabeth/Brieg2.JPGBrieg, St. Nikolai, 1724, Kirche zerstört 1945

Erste Reparaturen waren als Folge des französischen Bombardements 1806 notwendig. Sie wurden bis 1810 ganz im Sinne Michael Englers von dessen Sohn ausgeführt. 1848 arbeitet Alexander Lummert an der Orgel. Als Folge dieser Arbeiten beklagte der damalige Organist die schwere Spielart, durch die er zum "Orgelhauer", ja sogar zum "Orgelmartyrer" gemacht werde.

 

1867 wurden die beiden Rückpositive entfernt, um auf der oberen Empore mehr Platz für den Chor zu gewinnen. Das Pfeifenwerk wurde hinter die bekrönende Strahlensonne des Hauptprospekts versetzt.

 

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1879 erfolgte der obligatorische Umbau des noch barocken Instruments durch Schlag & Söhne aus Schweidnitz. Die Schleifladen wurden durch Kegelladen ersetzt, die Disposition romantisiert und die Manualtrakturen erhielten eine Barkermaschine. Die Orgel verfügte danach über 62 Register. 1907 verändert wieder Schlag & Söhne die Orgel. Die Trakturen waren nun rein pneumatisch, und die Orgel wuchs auf 71 Stimmen.

 

Mit dem Aufkommen der Orgelbewegung und der erneuten Wertschätzung barocker Orgeln empfand man die eindeutig spätromantische Schlag-Orgel als unpassend und nicht mehr zeitgemäß. Von 1939 bis 1941 erfolgte ein weiterer tiefgreifender Umbau durch Wilhelm Sauer, Frankfurt/Oder. Viele verlorene Barockregister wurden nun wieder ergänzt, die Trakturen elektrifiziert, die Windladen wieder durch Schleifladen ersetzt und zwei neue Rückpositiv-Gehäuse gebaut. Da aber die Orgel in dieser Form erheblich größer war als das Originalinstrument Englers (91 Register), wurden die beiden neuen Rückpositivgehäuse nicht mit 4'-Höhe in den Mittelbereich der Brüstung gesetzt, wie dies bei Engler der Fall war, sondern mit großen 8'-Gehäusen bis an die Schiffwände auseinandergezogen. Dieser Eingriff veränderte nachhaltig die Proportionen des reich geschmückten Propekts.

 

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Den Krieg überlebte die Orgel weitestgehend unbeschadet. Ihr Ende kam im Juni 1976, als sie bei einem Kirchenbrand mit einem großen Teil der inneneinrichtung vollkommen zerstört wurde. Die Sanierung begann erst 1981 und zog sich über viele Jahre hin. Die Rekonstruktion der unteren Empore mit ihrer reich verzierten Brüstung erfolgte 2012. Danach fehlte nur noch die Orgel mit der oberen Empore.

 

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Den Totalverlust von 1976 nahm man zum Anlass, ohne notwendige Rücksicht auf einen gewachsenen Zustand die Engler-Orgel in ihrer ursprünglichen Form zu rekonstruieren. Als Vorbilder konnten noch vorhandene Zeichnungen vor und nach dem Umbau von 1939-41 sowie zwei weitere Engler-Orgeln dienen, die in Grüssau nahezu vollständig und in Ölmütz teilweise erhalten sind.

 

Der Auftrag zur Rekonstruktion der Engler-Orgel und ihres mit zahlreichen teils überlebensgroßen Figuren reich geschmückten Gehäuses wurde 2018 an ein Konsortium aus drei Werkstätten vergeben – Zych in Wołomin/Polen, Thomas in Stavelot/Belgien und Klais. Die Werkstatt in Wołomin ist dabei zuständig für das Gehäuse und das Tragwerk, die Werkstatt in Stavelot für die Windladen und die Werkstatt in Bonn für Trakturen, Spieltisch, Windanlage, Pfeifenwerk und Intonation. Da die Wiedererschaffung des umfassenden Figurenschmucks weit über die Kapazitäten der drei Orgelbauwerkstätten hinausgeht, haben wir ein Atelier eingerichtet, in dem Bildhauer unbelastet von den technischen Fragen des Orgelbaus an den Figuren arbeiten.

 

Als erster Schritt der Rekonstruktion wurde in diesem Atelier ein Modell der Orgel im Maßstab 1:10 gefertigt, von dem wir hier einige Bilder zeigen möchten.

 

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Vor Ort ist (mit Stand März 2021) die Installation von Empore, Gehäuse und Figurenschmuck weitgehend abgeschlossen. Die Werkstattfertigung von Windanlage, Windladen und Trakturen ebenso. Sobald die Corona-Lage es zulässt, werden wir mit dem Einbau der fertigen Orgelteile vor Ort beginnen. Bis dieser abgeschlossen ist, werden auch Spielschrank und Pfeifenwerk auf den Einbau warten.