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Ochsenhausen, ehem.Klosterkirche - HO

Wege zur Gabler-Orgel 2000 – 2004

 

1. Aufgabenstellung

 

Jede Restaurierung einer Orgel des 18. Jahrhunderts ist mit den unterschiedlichsten Fragestellungen verbunden. Allein der Umstand, dass praktisch alle Instrumente in ihrer über zweihundertjährigen Geschichte Eingriffe und Veränderungen erfahren haben, lässt verschiedene Restaurierungsziele zu.

 

Das romantisch orientierte Orgelideal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts führte an barocken Instrumenten zu klanglichen Umgestaltungen (Dispositionsveränderungen) und, damit verbunden, zu Anpassungen im technischen Bereich. In günstigen Fällen wurden beispielsweise nur einzelne Register ersetzt. Oft genug kam es aber hinter den Barockfassaden zu gänzlich neuen Instrumenten. Mit der Rückbesinnung auf die Ideale der Barockorgel wurden etwa ab 1940 viele dieser Werke restauriert. Dies geschah leider allzu oft nach bestimmten zeitgenössischen Ideologien und ohne ausreichende Grundlagen wie Archivforschung und genaue Studien. Die Restaurierungspraxis neigte bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts dazu, die Orgeln möglichst wieder in ihre (vermeintliche) Originalsituation zurückzuführen, da man darin den größten Wert sah. Den Ausführungen des 19. Jahrhunderts wurde lange genug jeder künstlerische Wert abgesprochen. Bei geringfügigen Veränderungen waren Rückführungen weitgehend unproblematisch. Fanden an den Orgeln aber im Laufe der Zeit mehrere Eingriffe statt, so waren Rückführungen naturgemäß weit schwieriger. Zum besseren Verständnis der Problematik mag ein Vergleich mit der Malerei dienen. Es gibt historische Gemälde, an denen über die Jahre nur Schäden behoben und ein wenig retuschiert wurde. Andere Bilder dagegen hat man gänzlich übermalt; manchmal wurde das alte Bild vorher sogar völlig abgekratzt. Übertragen auf die Gabler-Orgel in Ochsenhausen könnten wir die Geschichte dieses „Gemäldes“ ungefähr so beschreiben: Das Bild stammte von einem berühmten Maler der Stadt, weshalb die Bürger auch sehr stolz auf das Gemälde waren, welches von einem wunderschönen Rahmen eingefasst war. 1734 wurde das Bild vom Maler geschaffen. Neben seinen neuen Farben verwendete er aber auch noch ein paar alte. Nach achtzehn Jahren, in denen er ein weiteres, sehr berühmtes Werk erschaffen hatte, kehrte er in seine Heimatstadt zurück und verbesserte sein früheres Bild. Die alten Farben waren wohl doch nicht so gut wie er damals gedacht hatte, und nach all den Jahren kam ihm auch das Bild selbst ein wenig altmodisch vor. So gut es eben ging, malte er sein eigenes Werk um und liess es vor allem moderner erscheinen. Nach dem Tod des Meisters versuchten nun verschiedene Maler mit sehr unterschiedlichen Talenten in regelmäßigen Abständen von etwa 30 Jahren das Gemälde zu erneuern und zu verbessern. Nach Jahrhunderten liegen die Farbschichten schließlich dick übereinander, auch wenn stellenweise immer wieder Farbe abgekratzt wurde. Vordergründig erkennt man dies zwar nicht, denn immer noch lässt der wunderschöne alte Rahmen glauben, dass es ein Werk des alten Meisters sei. Genau diese Geschichte ist auch die Geschichte der Gabler-Orgel in Ochsenhausen. Sie veranschaulicht sehr deutlich, wie schwierig die Aufgabenstellung der Restaurierung war.

 

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