Diese Seite drucken

Götzendorf, St. Maria Magdalena

Die Johann Heinssen – Orgel von 1836

 

Der Orgelbauer Johann Heinssen

 

Der Orgelbauer Johann (Nicolaus David) Heinssen (06.03.1797 – 06.03.1849), gebürtig in Altona, kam auf seiner Wanderschaft nach Regensburg, wo er 1835 (evangelischer) Bürger wurde und das Bürgerrecht erhielt. Seine Werkstatt stand in der (für kurze Zeit unterbrochenen) Nachfolge der Regensburger Instrumentenbauerwerkstatt von Franz Jacob Späth (1714 - 1786) und Jacob Friedrich Schmahl (1777 – 1819) ). Heinssen beschäftigte sich fast ausschließlich mit dem Orgelbau, während Späth und Schmahl auch als Klavierbauer tätig waren. Er hinterließ ein umfangreiches Oevre in der Oberpfalz und in Niederbayern.

 

 

Die Orgelforscher Hermann Fischer und Theodor Wohnhaas benennen folgende Werke :

1832 Martinsbuch I/8
Upfhofen I/6
1834 Regensburg, Neupfarrkirche I/12
Oberhaselbach I/9
Eggenfelden, Franziskanerkirche I/10
1835 Wolkering, Maria Himmelfahrt I/6
Kelheim, Stadtpfarrkirche
1836 Buttenheim, Schloßkirche
Götzendorf, Simultankirche I/6
1837 Massing
Haader
1839 Regensburg,Dom I/13
Schönthal I/10
1840 Birnbach I/6
Regensburg, Karmeliterkirche I/12
Oberergoldsbach
1841 Allersdorf I/6
Demling I/5
1842 Oberviehbach I/6
Wenzenbach I/6
1843 Neufahrn I/8
1846 Regensburg, St. Emmeran Umbau

 

Derzeit undatierbare Orgeln konnten Fischer und Wohnhaas in Birnbach I/4, Högldorf I/6, Obergraßlfing, Wahlsdorf I/8 und Regensburg, St. Klara I/12 nachweisen.

 

Johann Heinssen baute ausschließlich einmanualige Orgeln, sein Orgelbaustil kommt uns sehr konservativ vor, seine spätbarocken-klassizistischen Gehäuse zeigen laubsägeartige Rankenschleierbretter und nachbarocke Profile.

 

Die Götzendorfer Orgel ist wohl die am besten erhaltene Orgel von Heinssen: Bei ihr sind alle wesentlichen Bauelemente wie Pfeifenwerk, Mechanik, Windlade und Balganlage original erhalten.

 

Geschichte der Orgel

 

Auch ohne archivalische Studien ist die Baugeschichte der Orgel durch Inschriften am Gehäuse gut zu erschließen. So gibt es vom Erbauer der Orgel, Johann Heinssen in der Manualwindlade einen Zettel, der besagt:

 

“Diese Orgel ist gemacht worden im Jahr 1836

von Johann Heinssen, Bürger und Orgel=

bauer in Regensburg“

 

 

 

 

Auch in einem Querriegel von einem der Bälger wurde aus dieser Zeit ein Memorium gefunden, mit dem sich ein Mitarbeiter vorstellte:

 

„Frühling sey die Zürthe deiner Tage

und der Herbst deines Lebens an

Früchten reich, an diesen herzlichen

Wunsch erinnern dich wen du es ließ

an den Orgelbauer Gesellen

Wolfgang Mittau aus Schwabach

den 13ten Februar 1836“

 

 

 

 

In der Folgezeit wurde die Orgel mehrfach repariert, so nach 30 Jahren, 1866, durch den Orgelbauer Josef Vogl, tätig zwischen 1860 und 1901 in Amberg, Deggendorf und Rosenheim. Als nächstes reparierte Benedikt Waller aus Amberg 1898 die Orgel. Waller war u.a. als Vertreter der Orgelbauwerkstatt Steinmeyer in Oettingen tätig. Eine weitere Reparatur und Reinigung führte vom 20. – 23. Sept. 1932 M. Wagner, Orgelbauer in Neumarkt i/Oberpfalz durch. Eine besonderes Schicksal wird aus der Inschrift des Orgelbauers Wilhelm Zweck deutlich, der vom 16. – 20 Oktober 1945 in Götzendorf die Orgel anläßlich einer Kirchenrenovierung reinigt, das Gebläse repariert und stimmt: „total fliegergeschädigt in Nürnberg am 2.II.1945, geboren 29.II 1876 2 Söhne im Feld verloren, Helfer-Organist Josef Ibler, Illschwang“.

Die letzte Renovierung der Orgel wurde 1985 durch die Werkstatt WRK aus München ausgeführt.

 

Disposition:

 

Die Registernamen ohne Fußbezeichnung entsprechen den originalen Bezeichnung am Spieltisch:

 

Manual C, D, E, F, G, A – f3 (kurze Bassoctave)

Principal 4Fuß Metall, Prospekt C,D,E,F,G,A – c2, cs2 – f3 innen, original
Octau 2Fuß Metall, C, D, E, F im Prospekt, G – f3 innen; original
Mixtur 1fach 1Fuß

rep. c1 in 2’, Metall C, D, E, F, G, A – c3; original

neue Pfeifen auf: B, c1, b2,

Fleten 4Fuß

Holz, offen, C, D, E, F, G, A – d2, e2 – fs2, gs2 original; jüngere Fremdpfeifen verschiedener Herkunft ds2, g2, b2, h2, cs3, ds3 einheitlich Deckel Birnbaum, Seiten, Boden Eiche

C – c° Deckel, Seiten, Boden aus Fichte, Deckel mit Einsatz aus Buche, Kern Buche mit angedrehten Füßen, Vorschläge aus Eiche, davon c° erneuert; jüngere Stimmdeckel aus Zinn, Stimmmündungen ausgeschnitten, C, D, E, F mit jüngeren Holzdöckchen zum Anhängen an originaler Leiste, ursprünglich mit Nägeln fixiert,

Cubel 8Fuß

Holz, gedeckt, C, D, E, F, G, A – cs3, ds3 – f3 original.

C – gs°; Boden, Seiten, Deckel Fichte, Deckel mit Einsatz aus Buche, Kern aus Buche angedrehten Füßen, Vorschlag Eiche, aufgeleimt; Spund Fichte mit eingeleimtem, viereckigem Griff (-g°). a° - f1: Deckel Buche, Boden und Seiten Fichte, Kern Buche mit angedrehtem Fuß, Vorschläge Buche, aufgeleimt. Spund Buche, aus 1 Stück gearbeitet. fs1 – f3: Deckel, Boden und Seiten Buche, Kern Buche mit angedrehtem Fuß, Spund aus 1 Stück gearbeitet.

fehlende Pfeifen: d3, zuletzt im Diskant e3 und f3 vertauscht, neue Fremdpfeife für d3.

 

Pedal C, D, E, F, G, A – a°, davon aber C – H chromatisch, kleine Oktave repetierend

Bass         8Fuß C – H, Fichte, offen, in der kleinen Oktave repetierend; Deckel, Seiten, Boden aus Fichte, die Deckel mit Einsatz aus Buche, Vorschlag Eiche, geleimt, Füße aus Buche, gedreht, Kern: unteres Brett aus Fichte, mit Seiten verdübelt, oberes Brett aus Eiche.

 

 

Die Windladen gehören zum Originalbestand. Sie sind aus Eiche und Fichte (Schiede) gearbeitet, entsprechend süddeutscher Tradition. Die Ventile sind angeschwänzt. Die Mechanik war zuletzt an allen Achsstellen mit Silikon ausgespritzt worden. Dadurch war die Mechanik an vielen Stellen sehr zäh und unpräzise geworden. Auch die Manualklaviatur war stark ausgespielt und in weiten Bereich stark abgenutzt.

 

Etwas besonderes ist die originale Keilbalganlage auf dem Dachboden der Kirche, die von der Empore aus mit zwei Seilen zu bedienen ist. Die gesamte Balganlage war zuletzt in erheblichem Maße undicht. Beide Bälge wurden daher neu beledert, das Balghaus wieder vervollständigt.

 

Zusätzlich zu dieser historischen Balganlage wurde ein Schleudergebläse installiert. Der Motor sollte auf dem Dachboden bleiben, der aber neue, alternative Windversorgung betreibt. So kann die historische Balganlage uneingeschränkt benutzt werden, aber auch eine moderne Windversorgung.

 

Die Vorgaben von Winddruck und Tonhöhe wurden beibehalten, sodass ein Winddruck von 58 mmWS bei 435Hz bei 11°C festgelegt wurde. Als Temperierung wurde eine annähernd gleichstufige Stimmung vorgefunden, die ebenfalls beibehalten wurde.

 

Die Götzendorfer Orgel gehört zu den wenigen Orgeln aus der 1. Hälfte des 19 Jahrhunderts in Bayern, die in allen wesentlichen Bestandteilen erhalten ist. Dadurch kommt ihr eine ganz besondere Bedeutung zu.

Hans-Wolfgang Theobald

 

 

Orgelbau Johannes Klais, Bonn

restauriert 2006

Montageleitung: Thomas von Heymann

Montage: Michael Pankratz

Holzarbeiten: H. Willi Jerschabek

Metallpfeifen: Jürgen Reuter

Intonation: Frank Retterath

Koordination: Dr. Hans-Wolfgang Theobald

 

Sachberatung:

KMD Roland Weiß, Pegnitz Evang. Landeskirche in Bayern

DO Martin Bernreuther Diözese Eichstätt

Dr. Nikolaus Könner Landesamt für Denkmalpflege, München

Diese Seite drucken