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Recklinghausen, Propsteikirche St. Peter

Auf den Spuren des Großvaters

Am Abend vor Allerheiligen 2005 wurde sie eingeweiht, die neue Orgel für den wunderbaren Propsteikirchenraum zu St. Peter.

 

 

Die Verbindung der Orgelbauwerkstatt Klais zu St. Peter reicht eine weite Zeit zurück: wenn wir auch keine Tätigkeit meines Urgrossvaters Johannes Klais, der unsere Werkstatt 1882 ins Leben rief nachweisen können, so hat sich bereits mein Großvater Hans Klais 1950 sehr intensiv mit diesem faszinierenden Kirchenraum und dem richtigen Ort für eine Orgel in diesem Raum beschäftigt. Sein Ziel war es, ein Orgelwerk an der Stelle zu errichten, an der wir nun heute bauen dürfen: in der Längsachse der Kirche angeordnet vor und im Bereich des Turmraumes.

 

 

In unserer Werkstatt gibt es seit Werkstattgründung ein kontinuierliches System von Farben: Jedes einzelne Orgelprojekt wird einer bestimmten Farbe zugeordnet: kommt es zu einer ersten Kontaktaufnahme einer Kirchengemeinde mit unserer Werkstatt, werden wir ausgewählt, einen Entwurf zu erarbeiten, werden die Zeichnungen und Ideen in einen grünen Ordner eingeschlagen. Grün ist die Farbe der Hoffnung.

 

Wird im Rahmen eines Wettbewerbes einem anderen Orgelbauer das Vertrauen zum Bau des Instrumentes geschenkt, "wird" dieses grüne Projekt gelb eingemappt. Es ist hier müßig, über die Symbolik der Farbe Gelb nachzudenken. Sie versinnbildlicht für uns in diesem Zusammenhang nicht Sonne.

 

Kommt es zu einem Auftrag, wird die grüne Mappe rot: alle Aufmerksamkeit ist nun hierauf gerichtet. Wenn das Projekt fertiggestellt ist, wird die rote Mappe grau und verbleibt als Familienmitglied in unmittelbarer Nachbarschaft zu grünen Hoffnungsträgern und roten Aufträgen.

 

Unser ganzer Stolz ist es, wenn sich nach Jahren oder Jahrzehnten dann die Möglichkeit bietet, eine gelb gewordene Mappe in grün und schließlich in rot zu färben, wie uns dies nun 50 Jahre später in der Propsteikirche St. Peter zu Recklinghausen vergönnt gewesen ist.
Es fällt mir als Orgelbauer schwer, distanziert und sachlich über eigene Instrumente zu schreiben, in diesem Zusammenhang wird die Flucht in die Mappensituation der Werkstatt Klais verständlicher. Wir Orgelbauer stecken viel zu sehr mitten in diesem Schaffungsprozess, um aus der Distanz heraus die eigene Arbeit sachlich beschreiben zu können.
Der wunderschöne Kirchenraum faszinierte mich von Anfang an; die großen Säulen, die schöne Lichtführung, der Rhythmus, den die Säulenstruktur dem Kirchenraum umgibt, ein Raum, der gleichermaßen Größe und Erhabenheit auf der einen Seite, aber auch Feingliedrigkeit und Nähe auf der anderen Seite ausstrahlt.

 

Den Spuren des Großvaters folgend, stand für uns von Anfang an als Wunsch im Vordergrund, das Instrument zentral in der Mittelachse der Kirche anzuordnen und eine Orgelkonzeption zu schaffen, die seitens ihrer Konzeption ebenso wie seitens ihrer architektonischen Gestaltung diese Grundideen des Raumes aufgreift. Eine Orgel, die gleichzeitig Ruhe und Erhabenheit verkörpert sowie feingliedrige skulpturale Eigenständigkeit aufweist. In architektonischer ebenso wie in musikalischer ebenso wie in orgeltechnischer Hinsicht ist es uns wichtig ein Instrument zu schaffen, welches respektvoll mit historischen Traditionen umgeht, welches Traditionen aufgreift und "kapiert", aber nicht kopiert, ein Instrument, welches fest verwurzelt in den Traditionen der alten Meister und ein zeitgenössisches modernes Instrument ist, welches in die Zukunft weist.

 

Die Anordnung des Orgelgehäuses nimmt klassische Traditionen des in C- und Cs-Seite geteilten, in der Brüstung angeordneten, in Türmen aufgestellten Pedales, mit einem vor der Spielempore plazierten Rückpositiv und einem darüber angeordneten Hauptwerk auf.
Es verdeutlicht gleichzeitig in seiner Formensprache, dass es sich nicht um ein barockes Orgelwerk, sondern um eine moderne zeitgenössische Orgelskulptur handelt.
Für Architektur ebenso wie für musikalische Konzeption möchten wir, basierend auf grundlegenden Traditionen vergangener Tage, eine moderne Lösung mit einer starken eigenen Persönlichkeit schaffen. Ulrich Grimpe, der Diözesanmusikreferent und Bischöfliche Orgelsachverständige des Bistums Münster, erläutert in seinem Artikel in einer wunderbaren klaren Sprache die musikalischen Grundstrukturen des Instrumentes sehr plastisch. Unser Ziel ist es, ein Instrument zu schaffen, welches nicht nur mit den Ohren gehört werden kann, sondern das in seiner warmen, tragfähigen Grundtönigkeit mit dem ganzen Körper gespürt, mit dem Herzen gefühlt werden kann.

 

Wenn Orgel, Chor und Gemeinde in der Liturgie zu einer Einheit verschmelzen, wenn einzelne Orgelstimmen so farbig und reich sind, dass man sich keinen Klangfarbenwechsel wünscht, wenn die Orgel als Soloinstrument ebenso wie als Begleitinstrument immer die richtige Schattierung und Farbnuance findet, wenn ein tragfähiger Raumklang durch Einzelstimmen und nicht erst durch das Ziehen aller Register erreicht wird, wenn verschiedene Klangfarben gemeinsam zu einer neuen Farbe verschmelzen, dann haben wir dieses Ziel erreicht.

 

Wir hoffen, dass Sie in dem Instrument sowohl die großen tragfähigen Säulen als auch die filigranen Silhouetten der Fensterdetails wiederentdecken.

 

Wenn eine rote Akte schließlich grau wird, weil das Orgelwerk vollendet ist, ist es für uns als Orgelbauer so als ob ein Kind das Haus verlässt. Das Orgelwerk ist nun der unmittelbaren Fürsorge durch uns entzogen, bleibt jedoch immer ein wichtiges Familienmitglied unserer Werkstattfamilie, mit dem wir uns sehr verbunden fühlen. Ich möchte mich ganz herzlich bei allen Beteiligten für die große Unterstützung und das große Vertrauen bedanken, dass wir dieses Orgelwerk auf den Spuren des Großvaters Klais in Ihrem Kirchenraum bauen durften. Uns haben Planung und Bau der Orgel sehr viel Freude bereitet. Wir haben uns bei Ihnen sehr wohl gefühlt. Wir hoffen, dass unser Instrument einen architektonischen und musikalischen Ausdruck dieses Erlebens darstellt.

 

Philipp C. A. Klais

 

 

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