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Selzen/DE, Evangelische Kirche

Restaurierung der Stumm-Orgel

 

Die Orgel der Evangelischen Kirche in Selzen (Rheinhessen) wurde 1791 von den Brüdern Philipp und Franz Stumm aus Rhaunen-Sulzbach erbaut. Mit ihren 17 Registern ist sie die größte einmanualige Orgel aus der Hunsrücker Werkstatt. Sie überlebte die Zeiten vergleichsweise unbeschadet. Im 1. Weltkrieg musste der Prospekt entgegen der üblichen Verfahrensweise nicht abgegeben werden, da er als historisch wertvoll klassifiziert wurde. Dagegen war der Verlust zahlreicher Innenpfeifen, insbesondere der Zungen, zu verzeichnen.

 

1932 wurde die original Balganlage ersetzt. 1972/73 wurde die Orgel von Gerhard Schmid (Kaufbeuren) restauriert. Diese Restaurierung ging mit dem Instrument für die damalige Zeit erstaunlich respektvoll um. So unterblieben die in dieser Zeit immer noch übliche Erweiterung des Pedalumfangs sowie die häufig erfolgten Änderungen an den Kernen der an sich originalen Pfeifen. Die zwischenzeitlich veränderte Disposition wurde auf den Zustand von 1791 zurückgeführt. In den folgenden vierzig Jahren verschlechterte sich der Zustand der Orgel wieder, so dass eine weitere Restaurierung nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten unausweichlich wurde.

 

 

Bei den 2015 abgeschlossenen Arbeiten wurde das Pfeifenwerk der Orgel ausgebaut und in der Kirche eingelagert. Die beiden Windladen, die gesamte Mechanik der Orgel und die Spielanlage wurden ausgebaut und zur Überarbeitung in die Werkstatt verbracht. Bei den Arbeiten an den Windladen wurden die Risse im Kanzellenkörper ausgespant, die originale Belederung der Kanzellenunterseite in diesem Bereich ausgeschnitten und wieder mit Lederstreifen abgedichtet. Das Leder der Ventilbahn wurde erneuert, und die Ventile abgerichtet, neu beledert und wieder angeschwänzt. Schleifenbahnen und Ventile wurden neu mit weißgegerbtem Schafleder beledert, ebenso die Spunde.

 

 

Die Spielanlage ist seitenspielig angelegt, wie meist der helleren Südseite der Kirche zugewandt; hier auf der von vorne gesehen linken Seite. Das Spieltischgehäuse ist an das Orgelgehäuse angebaut und entsprechend etwas abgerückt. Das Notenpult ist in einer eher ungewöhnlichen schräg gestellten Position fest eingebaut, die Manubrien sitzen in regelmäßiger Reihe in der Seitenwand des Gehäuses, wobei die Reihe der Manualregister der Folge auf der Windlade entspricht. Die Klaviaturen wurden aufgearbeitet, die Manualtasten poliert und wieder mit Zierrillen versehen, die Obertastenbeläge nach Befund erneuert und seitlich geschwärzt. Die seit 1973 stilfremd geschwärzten Klaviaturbacken zeigen nun wieder den gewohnten Eichenholzton. Bei der Pedalklaviatur konnten wir die originalen, aufgrund der Vorschädigung durch Anobienbefall eingelagerten Pedaltasten nicht aufarbeiten. Diese wurden daher in Material und erkennbaren Dimensionen erneuert.

 

Die Trakturen wurden im baulichen Zustand von 1973 belassen; allerdings haben wir alle Lager und Austuchungen nachpoliert und auf leichte Gangbarkeit eingesteltt. Um das mögliche Arbeiten zwischen Windladenlager und Fußboden zu minimieren, wurden schmale Distanzstücke aus Eisen reversibel zwischen Windkastenboden und Wellrahmen eingesetzt.

 

Das Gehäuse wurde gesäubert, das Gehäuseschloss und die Beschläge gängig gemacht, das Podium und das Lagerwerk der Pedallade wegen des verschmälerten Abstands aus vorhandenen Teilen neu angelegt.

 

 

Ein wichtiges Ziel der Restaurierung war es, die ursprünglichen Windverhältnisse und Möglichkeiten von 1791 wieder herzustellen. Da nach dem Vertrag von 1791 die Balganlage aus „drey Blasbälg“ bestand, sollte diese Anlage in Ergänzung der bauzeitlichen Windkanäle rekonstruiert werden. Die Position des senkrechten Sammelkanals, des Pedalstutzens und der beiden Manualkanäle, stark verwurmt, aber vorhanden, zeigte die Position der Bälge und des Balggestells, wobei, wie bei Stumm üblich, die Bälge zur Spielanlage hin, die Clavesbalken auf der dem Spieltisch gegenüberliegenden Seite bedienbar waren. Die gesamte Anlage wurde nach den erneut aufgemessenen Bälgen in Siesbach und Mengerschied rekonstruiert, das Balggestell aus gesägter Eiche, die Bälge aus Fichte, alle Beschläge aus geschmiedetem Eisen hergestellt.

 

 

Mit dem deutlich weniger „aufgeregten“ Klang der Orgel, bedingt durch die große Keilbalganlage, der vorsichtigen Angleichung der Stimmtemperatur, belegt durch die originalen Stimmausschnitte an den Prospektpfeifen, und mit der sorgsamen Intonation der gesamten Orgel gewinnt die Orgel ein deutliches Stück ihrer ursprünglichen Authentizität.

 

Die Orgel in Selzen, ein Instrument aus der sicherlich besten Phase der Werkstatt Stumm aus Rhaunen-Sulzbach im Hunsrück, die für 200 Jahre die Orgellandschaft am Mittelrhein geprägt hat, stellt ein herausragendes Zeugnis des musikalischen Spätbarocks dar. Technisch ausgereift und charakteristisch im Klang kann (und darf) sie uns bis heute faszinieren und berühren.

 

 

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