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Köln-Riehl, St. Engelbert

"Reorganisation" der Walcker-Orgel von 1908

 

 

Die St. Engelbert-Kirche zu Köln-Riehl erhielt erst 1954, 20 Jahre nach der Fertigstellung der Kirche, eine neue Orgel. Eine neue Orgel? Keineswegs, denn hinter einer in enger Zusammenarbeit zwischen Orgelbauer und Architekten geschaffenen Pfeifenfassade wurde der Raum geschaffen für ein transloziertes großes Orgelwerk mit einer bewegten Geschichte. Ein Orgelwerk, welches heute, 2008, bereits 100 Jahre alt ist und damit zu den ältesten vorhandenen Orgeln in Köln gezählt werden kann.

 

Die Orgelbauwerkstatt Walcker aus Ludwigsburg erbaute 1908 eine große Orgel für die Hamburger Laeisz-Musikhalle. Nach dem Krieg wurde die Orgel als Kinoorgel 1950 im Thalia-Theater mit Veränderungen wieder aufgebaut. Nach dem Verkauf des Thalia-Theaters an die UFA Theatergesellschaft gelangte die Orgel 1954 nach Köln-Riehl und wurde hinter dem neuen Orgelprospekt errichtet, den Orgelbauer und Architekt gemeinsam in Abstimmung auf den faszinierenden Kirchenraum entwarfen. Diese Umstellung der Orgel wurde durch die Orgelbauwerkstatt Seifert aus Köln-Mansfeld ausgeführt. Seifert gab damals die originalen Windladen auf und versah das es mit einem sehr speziellen Windladentypus: die Orgel erhielt Seifert'sche Membranladen.

 

Zeitbedingt wurden auch im musikalischen Bereich zahlreiche weitere Modifikationen des Instrumentes ausgeführt, ermöglicht durch den Bau der neuen Windladen. Der Originalcharakter des Instrumentes wurde zugunsten der neuesten musikalischen Strömungen der 50er Jahre umgestaltet und umdisponiert. Die Auswirkungen der Orgelbewegung, die Wiederentdeckung der barocken Orgeltradition verlangte auch bei dem aus Hamburg stammenden grundtönigen, dunklen Konzertsaalinstrument ihren Tribut: Zugunsten der neuen Richtung musste die originale Orgelpersönlichkeit zurücktreten, um dem neuen Orgelgeschmack gerecht zu werden. Hierbei entstand eine Zwitterlösung, die zwar Spuren der originalen Orgelpersönlichkeit noch in sich trug, jedoch stark überdeckt durch die neue, nun gewünschte und angelegte Farbigkeit und Ausrichtung der Orgel.

 

1970 erhielt das Instrument schließlich einen neuen Spieltisch, dessen Konstruktion und Konzeption sich nicht als dauerhaft erwies. Bereits 1977 wurde über einen kompletten Neubau der gesamten Orgelanlage nachgedacht, Orgelbauwerkstätten wurden aufgefordert, Angebote zu erstellen, um ein komplett neues Instrument zu schaffen und die vorhandene Substanz aufzugeben.

 

Die Pläne von 1977 wurden nicht umgesetzt, es sollte weitere 25 Jahre dauern, bis das Orgelprojekt wiederum in Angriff genommen wurde: 2002/2003 setzten sich der Orgelsachverständige des Erzbistums Köln, Prof. Hans-Dieter Möller und der damals neue Kirchenmusiker von St. Engelbert, Wolfgang Siegenbrink, zusammen, um erneut über die "problematische" Orgel zu beraten. Hierbei wurden mehrere Orgelbauwerkstätten mit in die Überlegungen einbezogen, unter anderem auch unsere Werkstatt.

 

Gemeinsam erarbeiteten wir ein Konzept, welches zum Ziel hatte, das verborgene, zum Teil entstellte, sehr stark überformte aber in seiner Ursprungsqualität ablesbare Pfeifenwerk der Werkstatt Walcker aus dem Jahr 1908 wiederzugewinnen. Ziel war es, eine Reorganisation des Instrumentes durchzuführen, die das Orgelwerk unter Beibehaltung der Prospektgestaltung von 1954 so weit wie möglich dem Walcker'schen Originalbestand von 1908 annähert.

 

Die originalen Windladen der Hamburger Musikhalle waren unwiederbringlich verloren. Einem glücklichen Zufall jedoch war es zu verdanken, dass ähnliche Windladen eines von Walcker erbauten Konzertsaalinstrumentes (Graz, Stefaniensaal), ebenfalls aus dem Jahr 1908 stammend, zur Verfügung standen. Auf diese Weise war es möglich, das originale Pfeifenwerk aus Hamburg auf originale Windladen von 1908 zusammen zu führen - auch wenn natürlich beide Komponenten aus unterschiedlichen Räumen stammten.

 

Die nun entstandene neue alte Orgel stellt keine komplette Rekonstruktion der Walcker-Orgel aus dem Jahr 1908 dar. Dies war aufgrund der verlorenen historischen Substanz der Windladen, des Spieltisches, der stark überformten Pfeifen (viele Pfeifen waren auf die Hälfte oder weniger ihrer Länge abgeschnitten und stark entstellt) nicht möglich. Vielmehr war es unser Anliegen, die historische Substanz - soweit vorhanden - denkmalgerecht zu restaurieren, womöglich wieder auf den originalen Charakter zurückzuführen, Pfeifen anzulängen, die ebenfalls aus einer Walcker'schen Konzertsaalorgel stammenden Windladen denkmalgerecht zu restaurieren und aus beiden Komponenten gemeinsam eine überzeugende, in sich geschlossene, starke Orgelpersönlichkeit zu schaffen, die sich am Klangcharakter und der Qualität des Hamburger Instrumentes orientiert.

 

In enger Abstimmung mit Herrn Siegenbrink wurde ganz bewusst ein neuer, moderner Spieltisch entworfen, der sehr wohl Traditionen der Walcker'schen Konzeption aufnimmt, aber keineswegs seine Herkunft aus dem Jahr 2008 verleugnet.

 

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